Franzigmark bei Halle, Ausgangspunkt am BUND Umweltzentrum
Franzigmark bei Halle, Ausgangspunkt am BUND Umweltzentrum

Wo ein Dorf verschwand, eine Armee übte und heute ganz viel Natur ist

Ein Stein steht im Gras. 140 Zentimeter hoch, plattenförmig, oben schräg ausgelaufen und durch Jahrtausende Verwitterung stellenweise schwarz. Der Menhir von Morl, aus Braunkohlenquarzit, stand hier schon an der alten Salzstraße zwischen Halle und Wettin, bevor es die Stadt Halle überhaupt gab. 2007 wäre er fast abgeräumt worden, als der Bundeswehr-Übungsplatz aufgelöst wurde. Irgendein Planungsreferent hätte es fast geschafft, was Jahrtausende nicht schafften. Man hat ihn dann doch noch gerettet, 25 Meter versetzt von seinem originalen Standort, aber immerhin noch da.

Menhir von Morl in der Franzigmark
Menhir von Morl in der Franzigmark

Wir waren Ende Februar hier; vor Jahren auch schon mal im September. Jetzt – nach Wochen aus Schnee, Regen und grauem Nichts – war das der erste richtig sonnige Tag. Keine große Wärme, aber die Sonne hoch genug, dass man nach einer Weile die Mütze in der Tasche vergaß. Bis der Wind über die Hügel kam und man sie wieder rausholte. Das Licht auf den Porphyrfelsen am frühen Nachmittag: warm für die Jahreszeit, jede Rille im Gestein scharf herausgezeichnet. Willkommen in der Franzigmark.

Was die Franzigmark überhaupt ist

Die Franzigmark liegt nordwestlich von Halle, zwischen Brachwitz und dem Saaletal, und gehört heute zum Naturpark Unteres Saaletal. Rund 300 Hektar, Fauna-Flora-Habitat-Gebiet, Nationales Naturerbe.

Franzigmark - Saaleblick in Richtung Brachwitz
Franzigmark – Saaleblick in Richtung Brachwitz

Was die Infotafeln am Wegrand nicht groß hervorheben: Der Name kommt von einem Dorf, das hier stand und das seit dem späten 14. Jahrhundert nicht mehr existiert. Wer tiefer in die Geschichte des Ortes einsteigen will, dem sei die Vergangenheitsforschung des Gut Alaune e.V. empfohlen, die anhand alter Messtischblätter die Veränderungen der Gegend von 1876 bis heute nachzeichnet.

Franzig hieß es. Erstmals 1300 urkundlich erwähnt, ursprünglich eine slawische Höhensiedlung aus dem 7. oder 8. Jahrhundert. Dann, irgendwann nach 1371, wurde es langsam verlassen. Warum genau, weiß man nicht. Der hallesche Historiker Erich Neuss spekulierte in seiner Wüstungskunde des Saalkreises von 1969, dass auf der Hochlage einfach das Wasser fehlte, die Quellen versiegten oder wurden zu knapp. Die Bewohner zogen nach Morl, Trotha und Giebichenstein. Was blieb, war die Flur: die Franziger Mark, später Franzigmark.

1830 wurde beim Abgraben von Erde noch altes Mauerwerk gefunden, 1870 standen laut Überlieferung noch Mauerreste. Heute ist davon nichts mehr zu sehen. Der Boden hat sie geschluckt.

Ein Irrtum auf Landkarten und wer ihn korrigierte

Hier wird es etwas absurd. Die preußischen Kartografen, die ab 1904 neue Messtischblätter anfertigten, verorteten die Wüstung an der falschen Stelle, nämlich auf dem Gelände des heutigen Umweltzentrums Franzigmark. Erich Neuss konnte dann 1969 nachweisen, dass sich der echte alte Siedlungsplatz rund einen Kilometer südöstlich davon befindet, genau dort, wo heute das „Gut Alaune“ steht. Jahrzehntelang hatte die Kartografie ein Dorf an die falsche Stelle gezeichnet. Das Dorf selbst hat sich nicht beschwert, es war ja schon seit dem Mittelalter weg.

Kartenausschnitt von Arcanum vom Ende des 19. Jahrhunderts, der die Franzigmark und die Alte Dorfstelle zeigt

Älter als das Dorf: die Grabhügel im Gelände

Bevor Franzig gebaut wurde, bevor die Slawen hier siedelten, war das Plateau bereits Bestattungsort. Rund um die Franzigmark sind in der Liste der Bodendenkmale des Petersbergs mehrere vorgeschichtliche Hügelgräber verzeichnet. Mehrere Grabhügel und eine Befestigung aus dem Neolithikum, nordwestlich der Franzigmark gelegen, kaum noch erkennbar. Das Militär hat hier ganze Arbeit geleistet: Eine NVA-Stellung wurde in einen der Hügel eingebaut, der geologische Aufschluss an einem zweiten Hügel von Norden her angeschnitten. Wer heute die sachte wellige Topografie abläuft und sich fragt, ob dieser Hügel natürlich oder von Menschenhand ist, liegt mit beiden Antworten nicht immer falsch.

Der Chronist Schultze-Galléra schrieb 1913, dass die Höhen links und rechts der Saale einst mit Hunderten von Grabhügeln bedeckt waren. Am Götscheweg, der von der Brachwitzer Straße zur Saale hinabführt, liegt der Hügel, der auf dem ersten Messtischblatt von 1876 schlicht „Heidengrab“ heißt. Der Begriff stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert, als interessierte Laien diese Gräber entdeckten und häufig gleich ausplünderten, lange bevor es Grabungsstandards gab. Archäologische Funde belegen eine Besiedlung des Gebiets bereits in der Altsteinzeit.

Als die NVA hier Häuserkampf übte

NVA-Schießstand in der Franzigmark
Vielleicht ein ehemaliger NVA-Schießstand

Was nach dem Verschwinden des Dorfes folgte, hätte sich kein mittelalterlicher Franzig-Bauer vorstellen können. Seit den 1920er Jahren tauchen auf Messtischblättern erste Schießstände auf. Im Zweiten Weltkrieg nutzte die Wehrmacht das Gelände, danach die NVA.

Ab den 1950er Jahren war die Franzigmark offizieller Standortübungsplatz der in Halle stationierten 11. mot. Schützendivision, das seine großen Kasernen in der Paracelsusstraße und der Reilstraße hatte. Aus diesen Kasernen marschierten die Soldaten oft zu Fuß, in voller Gefechtsausrüstung, quer durch die Stadt hierher. Auf dem Gelände wurde Angriff und Verteidigung geübt, mit Kalaschnikow und Pistole scharf geschossen, Handgranaten geworfen. Häuserkampf stand auf dem Programm, Fahrzeugverbergung, Orientierung im Gelände.

Ein ehemaliger NVA-Soldat erzählte, dass die Kameraden froh waren, wenn der Marsch zur Franzigmark lang war. Dann verging die Zeit mit Laufen, und sie hatten wenigstens für ein paar Stunden keine Kaserne um sich.

Bis 2005 nutzte die Bundeswehr das Gelände weiter. Dann zog das Lazarettregiment 32 von Halle nach Weißenfels um und damit verlor der Standort seinen letzten militärischen Zweck. 2007 wurde der Übungsplatz formal aufgelöst. Seitdem wächst die Natur zurück, und die Informationstafeln erinnern mit alten Luftbildern daran, wie das Gelände aussah, als es noch Fahrzeugspuren, Schützengräben und Ortskampfanlagen gab.

Was das Gelände heute zu bieten hat

Hügelige Landschaft in der Franzigmark bei Halle
Hügelige Landschaft in der Franzigmark bei Halle

Die Franzigmark ist jetzt etwas, das sich in der Region nicht oft findet: ein weitgehend waldfreies Hochplateau mit Trockenrasen, Porphyrfelsen und einem Blick bis nach Halle. Das trockene Kontinentalklima hier, die Region liegt im Regenschatten des Harzes, macht sie zum Lebensraum für Arten, die man sonst eher aus dem Mittelmeerraum oder den Steppen Osteuropas kennt.

Der Stengellose Tragant (Astragalus exscapus) ist weltweit selten und wächst in Deutschland fast nur hier und in wenigen anderen Lagen des mitteldeutschen Trockengebiets. Das Kleine Knabenkraut (Orchis morio), eine Orchidee, war früher weit verbreitet; heute findet man es im Raum nördlich und nordöstlich von Halle noch in nennenswerten Beständen, unter anderem in der Franzigmark. Das Frühjahr ist also die richtige Jahreszeit, wenn du Orchideen sehen willst, bevor der Sommer das Gras verbrennt.

Beweidet wird die Franzigmark seit Jahrhunderten mit Schafen und Ziegen, und das nicht nur aus Tradition, sondern aus ökologischer Notwendigkeit. Ohne Beweidung würden die offenen Magerrasen zuwachsen, die Orchideen verschwinden, die Zauneidechsen ihren Lebensraum verlieren. Der Schäfer gehört hier genauso zur Landschaft wie der Menhir.

Laufen, fotografieren, Hund mitnehmen

Menhir in der Franzigmark, im Hintergrund einige Häuser der Ortschaft Morl
Menhir in der Franzigmark, im Hintergrund einige Häuser der Ortschaft Morl

Ausgangspunkt unserer Runde war das Umweltzentrum Franzigmark des BUND, direkt an der Bushaltestelle und mit ein paar Parkplätzen kurz davor, wo wir auch geparkt haben. Von dort sind wir gut fünf Kilometer in knapp zwei Stunden gelaufen, ohne zu hetzen. Die Wege sind geschottert und auch bei schlechtem Wetter gut begehbar. Wir sind mehreren Spaziergängern mir ihren Hunden begegnet; die Franzigmark scheint ein offenes Geheimnis unter Halleschen Hundebesitzern zu sein.

Für Fotoausflüge lohnt es sich, früh hier zu sein. Am Morgen liegt das Licht flach auf den Porphyrfelsen, die rötlich-graue Struktur des Gesteins kommt dann am besten raus. An einem klaren Wintertag wie unserem wirft die tiefe Sonne noch längere Schatten als im Sommer, die Konturen der Grabhügel, die Rillen im Porphyr, selbst die trocken stehenden Gräser werden dann zu Fotomotiven. Ich muss hier also unbedingt noch mal zu einer anderen Jahres- und Tageszeit her.

Diese Felsen entstanden aus abgekühlter Gesteinsschmelze vor rund 300 Millionen Jahren. Die Brachwitzer Alpen im Westen, direkt an der Saale, sind steile Porphyrfelsen über dem Fluss und einen Abstecher wert.

Ein Ort voller (Ge)Schichten

Die Geschichte liegt hier nicht hinter Glas, sie steckt im Boden. Steinzeitliche Grabhügel, in die später NVA-Stellungen eingebaut wurden. Ein mittelalterliches Dorf, das keines mehr ist. Preußen, die eine Wüstung jahrzehntelang an die falsche Stelle einzeichnen. Und dazwischen immer die Schafe.

Wir sind an diesem Februarnachmittag lange geblieben, obwohl uns die Finger kalt wurden. Es gibt Orte, an denen die Zeit nicht vergangen wirkt, sondern aufgeschichtet. Die Franzigmark ist so einer.

Wenn du irgendwann mal einen Nachmittag in der Gegend übrig hast, fahr nicht nach Halle rein. Fahr raus, in die Franzigmark. Den Menhir findest du auf OpenStreetMap.

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Daniel Weihmann

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